Currywurst, Fritten, Buletten – 35 Jahre lang hat Carolin Bremer (Name geändert) in ihrem Schnellimbiss Pommes frittiert und Würstchen gebraten. Sieben Tage in der Woche von morgens um zehn bis spät in die Nacht.
„Das Bistro war mein Leben, mein Imbiss der beste der Stadt, zahlreiche Prominente gehörten zu meinen Stammkunden“, erzählt sie. „Ich hatte ein gutes Leben. Um Geld habe ich mir keine Sorgen gemacht.“
Auch an ihre private Krankenversicherung verschwendete die heute 54-Jährige lange keine Gedanken, obwohl die Beiträge von Jahr zu Jahr kräftig stiegen und sie ihre drei Kinder ebenfalls privat versichern musste. Doch dann liefen die Geschäfte immer schlechter.
2004 bezahlte sie monatlich rund 450 Euro für ihre private Krankenversicherung. Dazu kamen 300 Euro an Beiträgen für ihre erwachsenen Kinder, die noch in der Ausbildung steckten. „Das konnte ich nicht mehr bezahlen. Da habe ich meinen Vertrag gekündigt.“
Seit sieben Jahren lebt Carolin Bremer ohne Krankenversicherung. Wie ihr geht es laut Schätzungen des Malteser Hilfsdiensts etwa 100.000 Bundesbürgern – und das, obwohl 2009 eine Versicherungspflicht auch für privat Versicherte eingeführt wurde.
„Carolin Bremers Fall ist typisch“, sagt Kai Vogel, Gesundheitsexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. „Kleinselbstständige entscheiden sich in jungen Jahren aufgrund niedriger Beiträge und besserer Leistungen für eine private Krankenversicherung.“ Im Alter seien sie dann durch die explodierenden Kosten finanziell überfordert.
Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung analysierten die Beitragsentwicklung zwischen 1985 und 2005. Laut ihrer Studie mussten privat Versicherte in diesem Zeitraum jedes Jahr im Durchschnitt sechs Prozent mehr für ihre Krankenversicherung ausgeben.
Zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln – dieser Ausweg lohnt sich gerade für viele ältere privat Versicherte kaum. Denn wer sich vor 2009 für einen privaten Anbieter entschied, kann die Altersrückstellungen bei einem Wechsel zur Konkurrenz nicht mitnehmen.
Die neue private Kasse kann eine Gesundheitsprüfung fordern. Sie schließt dann bei Patienten, die unter Vorerkrankungen leiden, Leistungen aus oder erhebt Risikozuschläge. „Viele privat Versicherte befinden sich je nach Versicherungsniveau in einem Fünf-Sterne-Gefängnis ohne Ausgang“, lautet das Fazit des Verbraucherschützers Kai Vogel.
Ein Wechsel aus der privaten in die gesetzliche Krankenversicherung bleibt Selbstständigen verwehrt. Anders bei Angestellten: Wenn ihr Brutto-Jahresgehalt 2012 unter der Entgeltgrenze von 50.850 Euro liegt und sie nicht älter als 55 Jahre alt sind, ist eine Rückkehr möglich.
Carolin Bremer kam einige Jahre ganz gut ohne Krankenversicherung zurecht. Das Herzrasen und die Schwindelgefühle ignorierte sie lange. Die Zahnschmerzen jedoch wurden mit der Zeit unerträglich.
Die Zahnärzte, die sie aufsuchte, wollten die zierliche Frau nur gegen Vorauskasse behandeln. „200 Euro für eine Wurzelbehandlung, das konnte ich mir nicht leisten.“ In ihrer Verzweiflung ging sie in die Sprechstunde der Malteser Migranten Medizin (MMM) in Berlin.
Dort bietet die Allgemeinmedizinerin Adelheid Franz einmal pro Woche kostenlose Sprechstunden für Menschen ohne Krankenversicherung an. „Im Jahr 2010 haben wir hier 7200 Patienten behandelt“, erzählt sie. Die meisten sind Migranten, die illegal in Deutschland leben. Etwa fünf Prozent der Patienten sind Deutsche.
„Die Patienten haben den Arztbesuch meist viel zu lange hinausgezögert“, sagt Adelheid Franz. Viele kommen wegen Tumorerkrankungen, Schwangerschaften oder Zahnproblemen. „Vor Kurzem hatte ich eine Patientin, deren Blutzuckerwerte bei über 500 lagen, ihr Blutdruck war auf 200.“
Die Medizinerin Franz kümmert sich nicht nur um die Akutversorgung. Dank des gut ausgebauten Netzwerks der Malteser Migranten Medizin kann sie die Patienten meistens auch an Spezialisten aus anderen Fachgebieten weitervermitteln, die ebenfalls zu sehr niedrigen Preisen behandeln.
Besonders wichtig ist Adelheid Franz zudem die Beratungsleistung der Malteser. „Unser Ziel ist es, den Betroffenen langfristig wieder zu einer Krankenversicherung zu verhelfen.“ Hier gibt es mehrere Möglichkeiten.
Die privaten Krankenkassen sind seit 2009 verpflichtet, ehemals privat Versicherten einen sogenannten Basistarif anzubieten. Die Leistungen entsprechen denen der gesetzlichen Kassen und dürfen maximal so teuer sein wie der monatliche Höchstbeitrag der gesetzlichen Krankenversicherung – derzeit sind das rund 580 Euro. Die Beiträge für die Monate, in denen keine Versicherungspflicht besteht, müssen grundsätzlich nachgezahlt werden. „Mit sind aber auch Fälle bekannt, in denen Ratenzahlungen vereinbart oder individuelle Lösungen gefunden wurden“, erklärt Adelheid Franz.
Ein aktuelles Urteil des Bundessozialgerichts bringt nun auch Erleichterungen für Hartz-IV-Empfänger. Die Richter entschieden, dass Empfänger von Arbeitslosengeld II, die privat krankenversichert sind, ihre Beiträge in voller Höhe von der Arbeitsagentur erstattet bekommen müssen.
Wenn privat Versicherte die steigenden Beiträge nicht mehr bezahlen können, sollten sie sich zunächst kompetente Beratung suchen. Kai Vogel von der Verbraucherzentrale empfiehlt als Erstes ein Gespräch mit der Krankenversicherung. „Man sollte sich seinen Tarif genau anschauen und prüfen, auf welche Leistungen man mitunter verzichten kann, etwa Einbettzimmer oder Chefarztbehandlung“, rät Vogel.
Die Versicherungen seien außerdem verpflichtet, auch einen Wechsel zu Tarifen zu ermöglichen, die für Neukunden angeboten werden. „Das kann unter Umständen günstiger sein.“ Von einer hohen Selbstbeteiligung würde der Gesundheitsexperte insbesondere älteren Versicherten abraten, da die Kosten hier sehr schnell aus dem Ruder laufen können.
Auch Carolin Bremer möchte unbedingt ihren Versicherungsschutz zurückgewinnen. Wie sie das anstellen soll, ist ihr allerdings noch nicht klar. Nach einem Gespräch mit einem Versicherungsmakler will sie sich jetzt auch von den Mitarbeitern der Malteser Migranten Medizin beraten lassen. „Es wäre für mich der größte Luxus, wenn ich einfach zum Arzt gehen könnte, wenn ich krank werde.“
Katja Töpfer / Apotheken Umschau;
27.01.2012
Bildnachweis: W&B/Michael Hughes, Keystone/Jan Leidicke, A1Pix/Bernd Ducke, W&B/Martina Ibelherr
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